Statement beim Presse-Essen am 10.1.2012

by Friederike Schmitz

Der „Appell für den Ausstieg aus der Massentierhaltung“ wurde im Herbst 2010 von Eugen Pissarskoi, Christian Voigt, Eva Mahnke und mir (Friederike Schmitz) ins Leben gerufen. Angeregt von einem ähnlichen Aufruf holländischer ProfessorInnen wollten wir damit der folgenden Einsicht mehr öffentliches Gehör verschaffen: Es gibt keine guten Argumente, und schon gar keine wissenschaftlich fundierten Argumente, für die Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Form der Tierindustrie. Es gibt stattdessen eine Fülle von Argumenten, die sich mit dem Wissen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen stützen lassen, dagegen.
Es ging uns außerdem darum deutlich zu machen, dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens gegen die Massentierhaltung gibt, der von der deutschen und europäischen Landwirtschaftspolitik völlig ignoriert wird.

Wir definieren Massentierhaltung als die Haltung von Tieren in industriellen, weitgehend automatisierten Großbetrieben, in denen der Platz pro Tier nicht oder kaum das gesetzlich vorgeschriebene Mindestmaß überschreitet. Es geht uns klarerweise nicht um die bloße Größe der einzelnen Anlagen. Das, was wir kritisieren, hat erstens mit der Menge der insgesamt in Deutschland gehaltenen Tiere zu tun, zweitens mit Phänomenen, die typisch für die Massentierhaltung sind und darin in verschärfter Form auftreten, wobei sie freilich nicht darauf beschränkt bleiben.

Die Argumente, die wir in dem Appell anführen, betreffen zum Einen die Auswirkungen der Massentierhaltung auf Klima, Umwelt und Gesundheit. Es gibt ernstzunehmende Studien, denen zufolge die Tierhaltung in derzeitigen Dimensionen als ein wesentlicher Faktor zum Klimawandel beiträgt und die Umwelt hierzulande schädigt. Es ist außerdem belegt, dass die Massentierhaltung eine Brutstätte für Viren und Bakterien ist, die uns allen gefährlich werden können, wie anhand der jüngsten Keimfunde auf Hähnchen wieder deutlich geworden ist. Massentierhaltung schadet also uns allen. Die Politik ist aber dafür da, allgemeine Güter wie Klima, Umwelt und Gesundheit aktiv zu schützen, indem sie schädigende Praktiken einschränkt bzw. verbietet.

Zum Anderen haben wir in unserem Appell auch dafür argumentiert, dass die Massentierhaltung aufgrund der involvierten Tierquälerei moralisch inakzeptabel ist.
Dieser Punkt liegt mir persönlich besonders am Herzen. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit in meinem Fach, Philosophie, ist die Tierethik; d.h. ich habe mich ausgiebig mit der Frage beschäftigt, welcher Umgang mit nicht-menschlichen Tieren moralisch legitim bzw. geboten ist.

Natürlich muss man keine Philosophin sein, um sinnvoll über diese Frage nachzudenken.
Aber es hilft zum Beispiel dabei, zu unterscheiden, was kontroverse Thesen und was offensichtliche Wahrheiten sind. An der akademischen Debatte zu dem Thema, die seit den 70ern über den moralischen Status von Tieren geführt wird, lässt sich das klar ablesen.

Es ist zum Beispiel kontrovers, ob es überhaupt legitim ist, Tiere zu menschlichen Zwecken zu benutzen. Einige EthikerInnen vertreten die These, dass Tiere als eigenständige Subjekte ein Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit haben genau wie Menschen. Das Argument: es gibt keine moralisch relevanten Eigenschaften, die nur Menschen und alle Menschen haben, die eine klare Grenze für die Verteilung von Rechten zuließe. Tiere haben Bewusstsein, sie haben Interessen, eine Individualität – all das spricht dagegen, sie als bloße Ressourcen zur Herstellung von Nahrungsmitteln anzusehen und entsprechend zu behandeln.

Es gibt gleichzeitig auch EthikerInnen, die unsere Benutzung von Tieren weniger grundsätzlich in Frage stellen. Tiere gefangenzuhalten, zur Produktion von Lebensmitteln zu nutzen und zu töten sei prinzipiell moralisch in Ordnung, sagen sie. Sie fügen allerdings heutzutage immer – immer – hinzu, dass das Wie des Haltens, Nutzens und Tötens moralischen Maßstäben unterliegen müsse. D.h.: Züchten und essen dürften wir Tiere, quälen aber nicht. Tiere sollen für Nahrungsmittel nicht leiden.

Massentierhaltung bedeutet massives Leiden. Auf Höchstleistungen gezüchtete Tiere sind besonders anfällig für verschiedenste Krankheiten, sie erleiden Verletzungen, sie verbringen ihr Leben auf engstem Raum ohne die Möglichkeit zur Erfüllung elementarster Bedürfnisse wie Bewegungsdrang, Bedürfnis nach Unterhaltung und stabilen sozialen Kontakten. Nach einem grotesk kurzen Leben werden sie sie in stunden- bis tagelangen Transporten zum Schlachthaus gebracht, wo sie nicht selten einen grauenhaften Tod erleben.
Tiere leiden in gigantischem Ausmaß für die Tierprodukte, die legal in Deutschland erzeugt werden.
Ich kenne keinen Philosophen und keine Philosophin, dem oder der eine Rechtfertigung solcher Quälerei jemals eingefallen wäre.
Man könnte das Ganze schon fast als Paradigma, als Musterbeispiel für eine ethische Regel auffassen: Leiden gilt es zu vermeiden – es sei denn, es gibt gewichtige Gründe, warum man es in Kauf nehmen muss. Anders gesagt: Unnötiges Leiden gilt es zu vermeiden. In fast identischer Formulierung heißt es im Tierschutzgesetz: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Was könnte aber hier ein vernünftiger Grund sein? Inwiefern ist die Nutzung von Tieren zur Nahrungsmittelproduktion nötig, inwiefern hat man also für die Zufügung von Leiden einen vernünftigen Grund?

Wir brauchen keine Tierprodukte, um gesund zu leben. Wir brauchen sie schon gar nicht in der Menge, in der wir sie heute produzieren. Wir brauchen auch nicht die Billig-Arbeitsplätze, die im Zusammenhang mit der Massentierhaltung entstehen, denn wir können mehr und bessere Arbeitsplätze schaffen, wenn wir auf andere Weise Nahrungsmittel produzieren. Und die Einkünfte, d.h. die Steuereinahmen, die aus der Tierindustrie stammen, sind erstens ein zweifelhafter Gewinn, wenn man die externen Kosten der Massentierhaltung mit einbezieht. Zweitens liefern sie keine Rechtfertigung für die Außerkraftsetzung moralischer Regeln: wir würden ja auch keine Sklaverei oder Kinderarbeit erlauben mit der Begründung, dass sich damit mehr Geld verdienen ließe.

Aus diesen Gründen ist das Leiden der Tiere in der Massentierhaltung völlig unnötig in jedem plausiblen Sinn des Wortes. Es ist ethisch nicht zu rechtfertigen, und zwar aus keiner Perspektive, die in der gegenwärtigen tierethischen Debatte ernsthaft eine Rolle spielen würde.

Ethikerinnen und Ethiker sind sich in diesem Punkt einig.
Bürgerinnen und Bürger sind sich darüber ebenfalls einig. Das geht aus Umfragen hervor und ist auch an der öffentlichen Debatte der letzten Monate und Jahre deutlich abzulesen.

Deshalb ist es so skandalös, dass von politischer und legislativer Seite, von Seiten der Repräsentanten der Bürgerinnen und Bürger, dagegen nicht vorgegangen wird, dass diese Tierquälerei im Gegenteil sogar finanziell gefördert wird.
In den Jahren 2008 und 2009 flossen über eine Milliarde Euro an EU-Subventionen in die deutsche Massentierhaltung, wie eine BUND-Studie errechnet hat. Unter anderem deshalb ist die Massentierhaltung ungebremst auf Wachstumskurs: Seit 2000 hat sich die Geflügelfleischproduktion in Deutschland nahezu verdoppelt, die Produktion von Schweinefleisch ist um 45 Prozent gestiegen. Im dritten Quartal 2011 wurde der bisherige Rekord von Schweineschlachtungen erneut übertroffen: 15,2 Millionen Schweine wurden in diesen drei Monaten ums Leben gebracht.

Unser Appell vertritt einerseits eine sehr gemäßigte Position. Wir fordern keine Abschaffung der Benutzung von Tieren, obwohl das für viele eine logische Konsequenz verschiedener ethischer Überlegungen darstellt.
Wir fordern stattdessen bloß eine Reform der Bedingungen, unter denen Tierhaltung stattfindet, die allerdings mit einer Reduktion der Menge der gehaltenen Tiere einhergehen muss.

Unser Appell vertritt andererseits eine gar nicht gemäßigte Position: Es geht uns nicht um einzelne Reförmchen, ein paar Stall-Zentimeter hier, eine Kastration weniger dort. Es geht uns um einen grundsätzlichen Kurswechsel. Die ethische Dimension unseres Umgangs mit Tieren muss endlich einen zentralen Platz in der Landwirtschaftspolitik finden, und aus den klimapolitischen und umweltpolitischen Offensichtlichkeiten müssen endlich praktische Konsequenzen gezogen werden.

Das Ziel darf nicht sein, die tierquälerische und umweltzerstörerische Massentierhaltung in Kleinstschritten zu modifizieren, sondern sie letztlich abzuschaffen. Auf deutscher und auf europäischer Ebene. Dass der Weg dorthin gleichwohl aus einzelnen Maßnahmen besteht, liegt auf der Hand. Das Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ hat mehrere solche Maßnahmen vorgeschlagen. In unserem Appell schließen wir uns den Forderungen dieses Netzwerks an.
Das Ziel, das in unseren Augen einzig vernünftige Ziel, ist der Ausstieg aus der Massentierhaltung.
Für dieses Ziel haben wir über 30.000 Unterschriften gesammelt, die wir heute übergeben wollen.